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© Jessica Schäfer

Ausgezeichnet: Kulturgut Buch

Gastbeitrag von Dr. Kristina Hasenpflug

Jedes Jahr können Verlage aus Deutschland, Österreich und der Schweiz bis zu zwei Romane beim Deutschen Buchpreis einreichen, weitere können empfohlen oder von der Jury nachgefordert werden. Am 18. Oktober wird im Frankfurter Römer der "Roman des Jahres 2021" gekürt. Der Gastbeitrag von Dr. Kristina Hasenpflug, Geschäftsführerin und besondere Vertreterin der Deutsche Bank Stiftung in Frankfurt am Main, im 6. Kreativwirtschaftsbericht zeigt die Relevanz der Auszeichnung für das Kulturgut Buch auf: "2019 wurde in rund 2.500 Beiträgen allein in Print-Medien und im Fernsehen über den Deutschen Buchpreis berichtet."

Als im Jahr 2019 der große amerikanische Erzähler und Bestsellerautor T. C. Boyle auf Lesereise in Deutschland war, wurde ihm der Deutsche Buchpreis vorgestellt. Begeistert gab er dazu ein Statement ab: "Buchpreise sind ein essenzieller Baustein für jede literarische Kultur. […] Ein Preis, der wie der Deutsche Buchpreis einen ganzen Sprachraum umfasst, wirkt umso stärker, weil er ein weit größeres Publikum erreicht und der gesamten Gesellschaft mit ihren sehr heterogenen Lesegewohnheiten eine gemeinsame Empfehlung geben kann. […] ein Buchpreis kann die Aufmerksamkeit auf ein einzelnes Buch richten und damit im Laufe der Jahre auch literarische Maßstäbe setzen, die gegenwärtiges und vergangenes Schreiben verbinden."

Und tatsächlich hält der Deutsche Buchpreis das Thema Literatur über Monate in der öffentlichen und medialen Aufmerksamkeit. 2019 wurde in rund 2.500 Beiträgen allein in Print-Medien und im Fernsehen über den Deutschen Buchpreis berichtet. Im gesamten deutschen Sprachraum finden Lesungen mit den Nominierten der Long- und Shortlist beziehungsweise mit dem Preisträger oder der Preisträgerin statt. Und auch auf den Buchhandel hat der Preis einen sehr positiven Effekt: Die Verkaufszahlen des Preisträgertitels konnten sich bisher immer mindestens verfünffachen, einige sogar verzehnfachen. Das selbst gesteckte Ziel des Preises, "über Ländergrenzen hinaus Aufmerksamkeit zu schaffen für deutschsprachige Autoren und Autorinnen, das Lesen und das Leitmedium Buch", wird offensichtlich erreicht.

Bühne für herausragende Literatur

Schaut man sich die Themen der bislang mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Romane an, so fällt auf, dass sich die meisten Autoren und Autorinnen aktuellen gesellschaftlichen Phänomenen widmen und die Gegenwart oder die jüngere Geschichte in den Blick nehmen. Robert Menasse, dessen Buch »Die Hauptstadt« 2017 ausgezeichnet wurde, erhebt als erster Schriftsteller überhaupt die Europäische Union zum literarischen Sujet. Mit einem bunten Figurenensemble und einem gelungenen Handlungsgerüst macht er die Institution, die viele als fern und abstrakt wahrnehmen, für uns Zeitgenossen und Zeitgenossinnen erfahrbar. Der »Roman des Jahres« 2018 von Inger-Maria Mahlke, "Archipel", fokussiert am Schauplatz Teneriffa die Kolonialgeschichte und die Geschichte der europäischen Diktaturen des letzten Jahrhunderts – rückwärts erzählt, ein literarisches Experiment. Und auch der Preisträger des Jahres 2019, Saša Stanišić, verlässt in "Herkunft" die übliche Form des chronologischen Erzählens und schreibt in teils ins Phantastische spielenden Facetten, "über den ersten Zufall unserer Biografie: irgendwo geboren werden. Und was danach kommt." Im Falle von Saša Stanišić liegt sein Geburtsort in Bosnien; als er 14 Jahre alt ist, bricht dort der Krieg aus. Eine historische Weichenstellung, oder vielmehr ein Meteoriteneinschlag, der die Familie zerreißt und den Teenager in ein neues Land und in eine neue Sprache katapultiert. Unvergessen ist die Dankesrede von Saša Stanišić zur Verleihung des Buchpreises, in der er den kurz zuvor mit dem Nobelpreis geehrten Peter Handke scharf wegen dessen Haltung zu Serbien attackierte und damit eine polarisierende Debatte im Netz wie in den Feuilletons anstieß.

Die Welt zwischen zwei Buchdeckeln

In Büchern erfahren wir die Welt neu, lesen von fremden Ländern und Menschen, entdecken bislang unbekannte Perspektiven beim Blick auf vertraute Lebenswelten und werden aufgefordert, unseren eigenen Standpunkt zu überdenken. Auch in sprach-ästhetischer Hinsicht erweitern Bücher den Horizont, denn die Literatur erkundet die Möglichkeiten des sprachlichen Ausdrucks vom Schönen bis zu absichtsvollen Antiformen. Wir Leser und Leserinnen erweitern durch die Lektüre nicht nur unsere Ausdruckfähigkeit und schärfen sprachliche Präzision, wir schulen auch unser ästhetisches Empfinden, nicht zuletzt im Experiment mit verschiedenen Sprachregistern. Und der Zugang zu dieser neuen Welt ist sehr niederschwellig: Dem Lesevergnügen kann man nahezu überall nachgehen, wobei mehrere Stunden Anregung und Unterhaltung auch noch günstig zu haben sind. Der einfache Zugang zum Medium Buch macht es möglich, dass die reflektorische Kraft der Literatur für sehr viele Menschen erfahrbar ist.

Der Deutsche Buchpreis will dabei Orientierung und Empfehlung geben und so einen gemeinsamen literarischen Erfahrungsraum schaffen, in dem sich ein intensiver gesamtgesellschaftlicher Austausch entwickeln kann. Dieses Potenzial hat die Deutsche Bank Stiftung bewogen, als Hauptförderer den Preis zu unterstützen, denn die Stiftung engagiert sich seit ihrer Gründung in Projekten, die kulturelle Erfahrungsräume öffnen und den Austausch zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen ermöglichen. Mit eigenen Veranstaltungsformaten schafft sie beim Buchpreis Begegnungen zwischen Autoren, Autorinnen und Leserschaft.

Jedes Jahr können Verlage aus Deutschland, Österreich und der Schweiz bis zu zwei Romane einreichen, weitere können empfohlen oder von der Jury nachgefordert werden. Um größtmögliche Unabhängigkeit und Transparenz bei der Preisvergabe zu sichern, wird die Jury von der Akademie Deutscher Buchpreis, der elf Vertreter und Vertreterinnen der Buch- und Medienbranche angehören, gewählt. In einem dreistufigen Verfahren mit Longlist, Shortlist und Preisverleihung kürt dann die siebenköpfige Jury den "Roman des Jahres".

Zu dem Deutschen Buchpreis gesellt sich ab 2021 der Deutsche Sachbuchpreis. Hier wird das Anliegen, zur Auseinandersetzung mit aktuellen Fragen einzuladen und eine öffentliche Diskussionskultur zu stärken, noch einmal intensiviert. Wichtiges Element ist die gelungene, allgemeinverständliche Vermittlung komplexer Zusammenhänge. Im Laufe der Jahre wird auch mit dem Sachbuchpreis eine Reihe an Büchern ausgezeichnet werden, an denen sich die relevanten Themen ihrer Zeit und wohl auch der Wandel der Gesellschaft ablesen lässt.


KristinaHasenpflug
© Deutsche Bank Stiftung

Dr. Kristina Hasenpflug

Geschäftsführerin und besondere Vertreterin der Deutsche Bank Stiftung in Frankfurt am Main

Dr. Kristina Hasenpflug studierte Germanistik, Geschichte und Politik; nach ersten Berufsjahren als wissenschaftliche Mitarbeiterin wechselte sie 2000 als Ressortleiterin für Kunst und Kultur sowie Bildung zur Wüstenrot Stiftung. Seit 2016 ist sie Geschäftsführerin der Deutsche Bank Stiftung, die sich für Projekte engagiert, die den Nachwuchs fördern, kulturelle Erfahrungsräume öffnen oder den Austausch zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen ermöglichen. Ehrenamtlich ist sie im Vorstand der Gesellschaft der Freunde und Förderer der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt tätig.


fbm2021

Veranstaltungstipp: Frankfurter Buchmesse 2021

20. bis 24. Oktober 2021

Zur 73. Frankfurter Buchmesse werden Ausstellerinnen und Aussteller aus über 60 Ländern erwartet. Gastland ist Kanada. 

Der Ticketshop für Privat- und Fachbesucher ist bereits geöffnet. Auf www.buchmesse.de/besuchen/tickets sind alle Ticketarten, das Hygienekonzept und die Besonderheiten für 2021 aufgeführt.



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