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© Monique Wüstenhagen

Nachhaltigkeit auf allen Seiten: Wie die Buchbranche mit gutem Beispiel vorangeht

Als Verband, der alle drei Sparten der Buchbranche eint (Verlage, Buchhandel und Zwischenbuchhandel), nimmt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels seit einiger Zeit genau unter die Lupe, welche Maßnahmen branchenübergreifend zu mehr Nachhaltigkeit führen können – und geht selbst mit gutem Beispiel voran. 

Ein Gastbeitrag von Börsenverein-Hauptgeschäftsführer Peter Kraus vom Cleff und Vorsteherin Karin Schmidt-Friderichs.

Das Thema Nachhaltigkeit ist – zum Glück – seit einigen Jahren omnipräsent, und zwar nicht nur im politischen Diskurs. Denn auch immer mehr Unternehmen beschäftigen sich damit, wie nachhaltig sie agieren. Natürlich haben auch wir als Buchbranche die Verantwortung, an dem gemeinsamen Ziel einer nachhaltigeren Welt mitzuwirken. Uns war und ist ein positives Mindset dabei extrem wichtig. Deshalb blicken wir nicht nur geknickt auf die derzeitigen Strukturen und die offensichtliche Frage nach den wesentlichen Hebeln zur Verkleinerung unseres ökologischen Fußabdrucks. Um mit einer enthusiastischen Grundeinstellung an das Thema heranzutreten, betrachten wir genauso unseren „carbon handprint“. Dieser bildet ab, was unsere Branche bereits heute leistet.

»Nachhaltigkeit ist schon lange nicht mehr nur das i-Tüpfelchen unternehmerischen Denkens, sondern integraler Bestandteil und Fundament einer jeden strategischen Unternehmensplanung. «

Peter Kraus vom Cleff

Erster Schritt: Bestandsaufnahme

Die schiere Breite des Themas kann einen erschlagen und schnell fragen wir uns: Womit starten wir? Wir profitieren davon, dass sich andere bereits die Arbeit gemacht haben zu definieren, welche Bereiche alle in den Komplex „Nachhaltigkeit“ hineinspielen. Einen guten Überblick bieten beispielsweise die 17 „Sustainable Development Goals“ (SDGs, Nachhaltigkeitsziele) der United Nations (UN). Nun klopfen wir diese Ziele ab und prüfen, welche davon unsere Branche bereits unterstützt und welche weiteren Ziele sie noch zusätzlich unterstützen kann.

Auf manche Ziele arbeiten wir bereits seit vielen Jahren hin. Ziel vier, „Hochwertige Bildung“, ist aufs Engste verzahnt mit unserer Branche und wir unterstützen dieses schon lange mit zahlreichen Programmen zur Sprach- und Leseförderung wie etwa dem Vorlesewettbewerb, der Aktion „Ich schenk dir eine Geschichte“ zum Welttag des Buches oder der Initiierung des Nationalen Lesepakts.

Auch das Ziel 16, „Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen“, liegt sozusagen in der DNA der Buchbranche und unseres Verbandes.

»Durch schriftstellerische und verlegerische Vielfalt verleiht unsere Branche einer pluralistischen Gesellschaft immensen Ausdruck.«

Karin Schmidt-Friderichs

Als Verband unterstützen wir dies nicht zuletzt auch durch die Vergabe des Deutschen Buchpreises und des Deutschen Sachbuchpreises. Mit unserem Engagement für die Freiheit des Wortes, zu dem beispielsweise die von uns initiierte Woche der Meinungsfreiheit vom 3. bis 10. Mai zählt, geben wir als Verband wesentliche Impulse für eine diskursfähige Gesellschaft und fördern damit Debattenkultur und Wissensaustausch. Und selbstverständlich dient auch der von uns jährlich vergebene Friedenspreis des Deutschen Buchhandels der Verwirklichung des Friedensgedankens.

Auf das Ziel 17, „Partnerschaften zur Erreichung der Ziele“, zahlen wir unter anderem ein, indem wir zu den ersten Unterzeichnern des aus den Nachhaltigkeitszielen abgeleiteten „SDG Publishers Compacts“ zählten. Der in Zusammenarbeit mit der International Publishers Association ins Leben gerufene Publishers Compact soll die Verwirklichung der UN-Ziele bis 2030 beschleunigen.

Gemeinsam mehr bewegen: Zusammenarbeit in Taskforces

Etwas zu tun ist immer besser als nichts zu tun. Zugleich ist die Wirkung von Einzelprojekten limitiert. Als Dachverband haben wir die große Chance, Verlage, Zwischenbuchhandel und Sortiment gleichermaßen in ihrem Transformationsprozess zu begleiten und im nachhaltigen Handeln zu unterstützen.

»Unser größter Hebel ist die enge Verzahnung aller Agierenden, damit sie gemeinsam an einem Strang ziehen.«

Peter Kraus vom Cleff

Um den Austausch unserer Mitglieder untereinander zu vereinfachen und Leitlinien festzusetzen, haben wir in den vergangenen Monaten eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen – die Interessengruppe (IG) Nachhaltigkeit. In dieser IG engagieren sich Ehrenamtliche aus allen Sparten innerhalb dreier Taskforces, die sich jeweils einem Thema intensiv widmen: Eine davon setzt sich mit nachhaltigen Herstellungsprozessen von Büchern auseinander sowie mit umweltfreundlichen Lösungen für Logistik und Verpackung in Zwischenbuchhandel, eine weitere widmet sich Konzepten für einen nachhaltigen Geschäftsbetrieb, und die dritte beschäftigt sich mit Fragen rund um die Erstellung einer Umweltbilanzierung bzw. Nachhaltigkeitsberichtserstattung.

Im Bereich Herstellung steht insbesondere das Thema Papier im Fokus. Hier eröffnen sich vor allem zwei Ebenen: Zum einen ist die Produktion äußerst energieintensiv und macht bis zu 70 % des CO2-Abdrucks eines Verlages aus. Zum andern geht es bei der unmittelbar mit Papier verbundenen Forstwirtschaft auch um das Thema Biodiversität.

Im Bereich Logistik schauen wir uns effiziente Erst- und Nachauflagenplanung ebenso an wie sich aus dem Einsatz von KI und moderner digitaler Drucktechnik ergebende neue Potenziale. Auch wird zu überprüfen sein, ob die bisherigen Warenflüsse noch die richtigen sind. Dies erfolgt mit Fokus auf SDG 12 „Verantwortungsvoller Verbrauch und verantwortungsvolle Produktion“. Hierzu gilt es – mit Blick auf das Konsumverhalten – die Vorzüge lokalen Einkaufs klar zu kommunizieren.

Im Bereich Umweltbilanzierung denken wir vor allem an kleinere und mittlere Unternehmen. Viele von ihnen möchten gerne aktiv werden, wissen aber nicht, wie und wo sie am besten anfangen sollen. Um ihnen den Einstieg zu erleichtern, arbeiten wir aktuell an einer Art (Einstiegs-)Checkliste, in der wir Tipps und Handlungsmöglichkeiten zu den Themen "Geschäftsräume & Arbeiten im Büro", "Mitarbeitende", "Dienstleistende & Geschäftspartner*innen" und "Kund*innen" formulieren. Im nächsten Schritt streben wir mit unseren Partnerinnen und Partnern einen Branchenleitfaden an.

Handeln statt zerdenken

Theoretische Überlegungen im Vorfeld sind wichtig, um nachhaltige Unternehmensprozesse anzustoßen. Zugleich verleitet ein so breites Themenfeld dazu, alles so lange zu zerdenken, dass es nicht zum Handeln kommt. Dies möchten wir vermeiden und fahren deshalb zweigleisig: Parallel zur Ausarbeitung theoretischer Gerüste setzen wir auch konkret bereits Projekte um.

Eines davon ist die Kooperation mit dem Handelsverband Deutschland (HDE) und seiner branchenübergreifenden Klimaschutzoffensive. Ganz konkret heißt das: Einer Mitgliedsbuchhandlung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels (Buchhandlung Lesumer Lesezeit) wurde ermöglicht, den Weg in die Klimaneutralität zu beschreiten. Gemeinsam mit einem Beraterteam haben wir die Buchhandlungsinhaberin bei der Erstellung einer professionellen CO2-Bilanz begleitet, einen langfristigen Reduktionsplan erstellt, zusammen mit dem HDE bei der Durchführung der Maßnahmen beraten und die Buchhandlung mit Öffentlichkeitsarbeit unterstützt. Kooperationen dieser Art sind entscheidend für unsere weitere Arbeit und dienen als gute Beispiele. Nicht umsonst stellen Partnerschaften ein eigenes Ziel der SGDs dar.

»Globale und lokale Partnerschaften, die Zusammenhalt fördern und sich gegenseitig unterstützen, treiben eine nachhaltige Entwicklung voran.«

Karin Schmidt-Friderichs

Ein weiterer Partner ist das Team der Organization for rapid climate action (ORCA), einer Organisation, die Unternehmen auf ihrem Weg zu mehr Nachhaltigkeit unterstützt. Der Börsenverein selbst hat sich 2022 einer Wesentlichkeitsanalyse unterzogen. Hier wurden beispielsweise alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach ihrer Anreise zur Arbeit befragt – also wie oft, wie weit und mit welchem Verkehrsmittel sie kommen. ORCA schärfte unser Bewusstsein dafür, dass die Entscheidungen jeder einzelnen Person dazu beitragen, ob ein Unternehmen sich wirklich nachhaltig aufstellen kann. Noch stehen die Ergebnisse unserer Umfrage aus, aber dann werden wir Maßnahmen ergreifen, die bessere Rahmenbedingungen für nachhaltiges Handeln setzen.

Kein Unternehmen, erst recht keine ganze Branche, wird von heute auf morgen klimaneutral. Wir stehen am Anfang eines langen Veränderungsprozesses, den wir als Verband beschreiten und mitprägen. Uns steht sowohl gesellschaftlich als auch unternehmerisch eine arbeitsintensive Zeit bevor. Wir werden alle dazulernen, Fehler machen und uns weiterentwickeln. Gesamtwirtschaftlich ist ein Paradigmenwechsel gefragt hinsichtlich der Definition von Wachstum. Es geht um ein ganzheitliches Verständnis von nachhaltigem Handeln, das die Facetten von ökologischer, sozialer und wirtschaftlicher Nachhaltigkeit verbindet. Unsere Aufgabe als Branchenverband ist es, in diesem Zusammenhang Impulse zu setzen, Orientierung zu bieten und Austausch zu fördern. Wir wollen selbst zur Blaupause für nachhaltige Unternehmensführung werden und mit gutem Beispiel vorangehen.


Karin Schmidt-Friderichs
© Gaby Gerster

Karin Schmidt-Friderichs

Karin Schmidt-Friderichs (*1960) ist seit Oktober 2019 Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Nach dem Architekturstudium an der Universität Stuttgart arbeitete sie als Architektin, bevor sie 1992 begann, gemeinsam mit ihrem Mann Bertram Schmidt-Friderichs den Verlag Hermann Schmidt aufzubauen. Sie verantwortet dort neben der Programmplanung, die beiden Verlegern gemeinsam obliegt, Marketing und Vertrieb. Von 2003 bis 2011 war Karin Schmidt-Friderichs Vorsitzende des Berufsbildungsausschusses des Börsenvereins, von 2011 bis 2016 Vorstandsvorsitzende der Stiftung Buchkunst. Von März 2018 bis Mitte 2019 vertrat sie den Börsenverein in der Deutschen Literaturkonferenz und war von dort als stellvertretende Sprecherin in den Deutschen Kulturrat entsandt.


Peter Kraus vom Cleff
© Lukas Wehner

Peter Kraus vom Cleff

Peter Kraus vom Cleff (*1967) ist seit 2022 Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Der Diplom-Ökonom war zuvor mehr als 20 Jahre in verschiedenen Häusern der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck tätig, zuletzt seit 2008 als kaufmännischer Geschäftsführer des Rowohlt Verlags. Von 2020 bis 2022 war er Präsident des europäischen Verlegerverbandes FEP.


Börsenverein des Deutschen Buchhandels
© Börsenverein des Deutschen Buchhandels

Börsenverein des Deutschen Buchhandels

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels ist die Interessenvertretung der deutschen Buchbranche gegenüber der Politik und der Öffentlichkeit. Er wurde 1825 gegründet und vertritt 4.000 Buchhandlungen, Verlage, Zwischenbuchhändler und andere Medienunternehmen. Der Kultur- und Wirtschaftsverband engagiert sich für das Buch und das Lesen, ein faires Urheberrecht und den Erhalt der Buchpreisbindung, die Freiheit des Wortes und die kulturelle Vielfalt der Gesellschaft. Er veranstaltet die Frankfurter Buchmesse, vergibt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, den Deutschen Buchpreis sowie den Deutschen Sachbuchpreis und engagiert sich in der Leseförderung. Zudem unterstützt er seine Mitglieder bei der Entwicklung von Innovationen und neuen Geschäftsmodellen.

Veröffentlicht: 20.03.2023


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