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© Michael Zellmer

"Wir begreifen uns nicht als Orakel"

Ein Gespräch mit den Trendexpertinnen Claudia Herke und Annetta Palmisano

Trends – was ist das eigentlich und wie findet man sie? Claudia Herke, Cem Bora und Annetta Palmisano, ihres Zeichens Stil-Experten, wissen es genau. Sie führen ein renommiertes Trend- und Stilbüro in Frankfurt, konzipieren und gestalten regelmäßig die Trendshows großer Messen wie Ambiente. Die zentrale Frage hinter ihrer Arbeit: Wie wollen Menschen in Zukunft wohnen und genießen? Wir haben Claudia Herke und Annetta Palmisano zum Interview getroffen.

Ihr Job ist es, Trends aufzuspüren. Wie gehen Sie dabei vor?

Wir recherchieren und analysieren in unserer Arbeit, welche inspirierenden Designs und Brands aktuell Akzente setzen. Unsere Recherchen konzentrieren sich dabei vor allem auf Entwicklungen in der Mode, der Architektur und dem Produktdesign. Häufen sich bestimmte Design-Ansätze und Richtungen in Bezug auf Oberflächen, Dessins und Formen, manifestiert sich eine entsprechende Trendaussage.

Um diese neuen Impulse sichtbar und verständlich zu machen, fassen wir sie in anschaulichen "Stilwelten" zusammen, die jeweils einen eigenen Farbcharakter mitbringen und inhaltlich unterschiedliche Schwerpunkte aufgreifen. Für die einzelnen Fachmessen und die jeweiligen Branchen beziehungsweise Händlerzielgruppen thematisieren wir die jeweils relevanten Inhalte. Das ist für uns sehr wichtig und beschreibt den Kern unserer Arbeit an den Trends: 

»Visionen benennen, Inspirationen aufzeigen und trotzdem dabei ganz nah an den Produkten bleiben.«

Wie mussten Sie Ihre Arbeitsweise seit der Pandemie anpassen, welche neuen Wege gehen Sie?

In unserem Alltag, der zunehmend von Stress und besorgniserregenden Nachrichten dominiert wird, haben Ängste und Verunsicherungen mit den Auswirkungen der Pandemie eine ganz neue Dimension erreicht. Da tritt erst einmal einiges in den Hintergrund.

Inspirationen und Informationen für die richtige Wahl bei der Gestaltung oder beim Produkteinkauf bleibt aber ein sehr wichtiges Thema für ein Unternehmen. Die Möglichkeiten, sich zu informieren sind groß – die Vielfalt der Designs immens – gerade in der digitalen Welt.

Da braucht es viel Zeit und vor allem Fachkompetenz, um eine ernstzunehmende und objektive Analyse zu erzielen. Für uns ist eine sachliche, fachkompetente Auswertung oberstes Gebot und hat so gar nichts mit dem Promoten oder Bewerben von einzelnen Designs oder Marken zu tun.

Unsere Aufgabe ist es, aus einer nahezu unüberschaubaren Vielfalt eine konzentrierte, relevante und unbestechliche Orientierungshilfe anzubieten. Das ist für den Markt ein nicht zu unterschätzender und hilfreicher Anker.

Besonders herausfordernd waren aber natürlich die letzten beiden Ausnahme-Jahre – die Situation hat die Recherche-Arbeit wirklich sehr verändert. Wir haben uns dann auch im ersten Schritt auf Themen-Gerüste fokussiert, die sich stark an den gesellschaftlichen Entwicklungen und am Umgang mit der Pandemie orientieren:

»Wie werden sich gesellschaftliche Ängste, Klima- und Umweltfragen in der Gestaltung der Wohnräume und im Produktdesign ausdrücken? Auf diese zentrale Frage galt es Antworten zu finden, in einer Zeit, in der die wichtigsten und einflussreichsten Messeschauplätze für Design geschlossen bleiben mussten.«

Neben den Kampagnen der namhaften Möbelhersteller und dem Industrie- und Produktdesign der wichtigsten Designer schauten wir noch stärker auf die "Maker“, auf junge Designstudios und Ateliers sowie auf Galerien, deren Ausstellungskonzepte an der Schnittstelle von Kunst und Design liegen.

Besonders motivierend: Die hier kuratierten Künstler und Designer zeigten eine zusätzliche und neue Facette. Dazu kommen engagierte Designexperimente, aktuelle Materialforschung und innovative Produktentwicklungen – jenseits der großen Möbel- und Produktindustrie. Und natürlich bekommen auch Start-ups, Designschulen und Akademien, die immer wieder spannende und frische Impulse setzten, eine noch größere Beachtung.

Wann ist ein Trend eigentlich ein Trend? Schon in dem Moment, indem Sie ihn als solchen benennen?

Generell sind Trends ja wirklich mit einer Welle vergleichbar: Anfangs kaum spürbar – werden sie zu einer deutlichen Bewegung und dann sind sie auch schon wieder verebbt. Ihnen haftet darum Allgemeinhin etwas Kurzfristiges an. Aber wir wissen natürlich, dass das nicht bei jeder Strömung so ist und sich ein "Trend" oft über viele Jahre entwickelt und dann zu etwas Dauerhaftem, zu etwas Bleibendem werden kann.

In unseren Trend-Prognosen versuchen wir darum auch immer über das Präsentieren neuer Designs und Ideen hinaus die längerfristigen Aspekte herauszuarbeiten – das ist es, was uns wirklich interessiert. Und eines ist ja mittlerweile ganz deutlich geworden: 

»Kurzfristige Hypes sind nicht besonders zukunftsweisend.«

Haben Sie sich schon mal geirrt? Gehört das vielleicht sogar dazu?

Wir begreifen uns in der Tat nicht als Orakel. Aber natürlich bringen wir ein Quantum Intuition, ein Gefühl für Gestaltung und einen sehr analytischen Blick mit – ohne das geht es sicher nicht.

Wir sind aber vor allem geprägt durch unsere intensive Arbeit an den Trends für die Messe Frankfurt. Dabei haben wir im Laufe der Jahre einen untrüglichen Spürsinn für richtungsweisende Ideen, Designs, Farben und Projekte entwickelt. Schließlich konnten wir im direkten Austausch mit den Herstellern und Designern schon eine sehr lange Zeit kontinuierlich unersetzliche Erfahrungen sammeln.

Allein die unmittelbare und ernsthafte Auseinandersetzung mit den Produkten, die wir für die Trendschauen auswählen, hat unser Gespür für die unterschiedlichen Produktwelten extrem geschärft. Dadurch kommt es natürlich auch selten vor, dass man einer falschen Fährte folgt – dass man sich irrt.

»Es gab aber sicherlich schon Aspekte, von denen wir uns mehr erhofft hätten – Ideen, die ein größeres Potenzial gehabt hätten.«

Aber ja, schließlich bestätigen sich doch die allermeisten Prognosen – und das positive Feedback für unsere Orientierungshilfe gibt uns ein wirklich gutes Gefühl.

Ihr Metier sind Konsumgüter mit Schwerpunkt auf Wohnen. Die wichtigen Konsumgütermessen wie Ambiente, Paperworld und Christmasworld wurden abgesagt. Was bedeutet das für Sie, was für die Branche?

Die Messen haben im letzten Jahr allen sehr gefehlt – und dass das nun so weitergeht ist natürlich für alle Beteiligten schlimm. Es wird viel dafür getan, eine digitale Ergänzung zu bieten. Aber was die lebendigen Messetage bedeuten, kann ein digitales Format nicht ersetzten. Es ist ein besonderes Erlebnis, wenn die unterschiedlichen Hersteller, Gestalter und Einkäufer zusammen kommen. Die Messe ist dann ein inspirierender Ort, ein stimulierender Entdeckungsraum.

Hier taucht man für ein paar Tage in die ganze Vielfalt einer Produktwelt direkt ein. Das unmittelbare Erleben, gerade im Austausch mit anderen Fachleuten – das alles hat einfach eine hohe Qualität die man schmerzlich vermisst.

»Um ein Produkt ganz zu "begreifen", gehört einfach das haptische Erfassen dazu. Gerade wenn ein Produktsortiment sensibler, besser, gewissenhafter werden soll. «

Welche Wohntrends hätten Sie auf der Ambiente dieses Jahr vorgestellt?

Die "Ambiente Trends 22+" thematisiert drei wegweisende Prognosen, die an maßgebende Leitgedanken anknüpfen und die wichtigen Strömungen weiterentwickeln. Das Plus steht dafür, dass die übergreifenden Themen auch über die Saison hinaus unseren Alltag prägen werden.

Visionär: remedy solving + clearing eröffnet neue Perspektiven mit innovativen Ideen und Materialien.

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Naturhaft: identity knowing + making konzentriert sich auf naturnahe Designs.

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Optimistisch: lively improving + liberating ist inspiriert von künstlerischen und ausdrucksstarken Produkten.

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Diese Woche findet die Januar-Ausgabe der Frankfurt Fashion Week statt. Wie wichtig ist Fashion, sind die Modemessen für Ihre Arbeit?

Wir kommen alle drei aus dem Fashion-Design und unser Blick auf Trends hat sich aus der Mode herausgebildet – wir haben zusammen unsere ersten Erfahrungen im Umgang mit Trendanalyse in der Textilindustrie gemacht. Erst für Bekleidungstextilien und später dann für die Heimtextilien. Die Sensibilität für Textilien, Oberflächen, Texturen, Strukturen und Dessins ist seither in unserer Recherche immer wieder Antrieb und Motor.

Wir verfolgen die großen Fashion-Shows weltweit, ob es die New York Fashion Week ist, gefolgt von der Mode Woche London, wir sind mit dabei in Mailand und in Paris.

Neben den Stylings, Dessins und Texturen sind natürlich die Farben eine große Inspiration. Vor allem interessiert uns die Markenpolitik, wir betrachten die Marken-Philosophie und verfolgen, welche Designer machen mit welchem Projekt oder Design von sich reden. Mehr denn je schauen wir dabei gespannt nach den kleineren Labels.

Durch die Einführung der digitalen Übertragung sind wir im Livestream dabei – ob es die klassische Fashion-Show ist oder – Pandemiebedingt – Videos gezeigt werden. Und wir beobachten natürlich auch die Inspirationen am Rande, die oft noch wichtigere Impulse setzen: Von den Einladungen über die Accessoires bis zu den Set-Designs – alles wird betrachtet und ausgewertet.

Allen Trends zum Trotz: Was kommt nie aus der Mode?

Was nie aus der Mode kommen darf: Stil und Glaubwürdigkeit.


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© Michael Zellmer

Über das Stilbüro bora.herke.palmisano

Um Stimmungen und Bedürfnisse im Markt zu analysieren und zuverlässige Trendprognosen daraus abzuleiten, bedarf es einer ausgeprägten fachlichen Expertise.

Das Stilbüro bora.herke. palmisano wurde 1990 von Cem Bora, Claudia Herke und Annetta Palmisano gegründet. Sie arbeiten seit vielen Jahren im Bereich der Trendanalyse. Insbesondere für Interior, Konsumgüter und Lifestyle-Themen erarbeiten sie internationale Trendaussagen.

(Foto v.l.n.r.: Claudia Herke, Cem Bora und Annetta Palmisano)

Veröffentlicht: 20.01.2022


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