Mode
© Jessica Schäfer

ALLES NEU? DIE MODE DER ZUKUNFT

Gastbeitrag von Christine Fehrenbach

Wann beginnt wirkliche Transformation? Meistens ist es der Druck von außen, der tatsächliche Veränderung schafft und zum Umdenken anregt. Ob das die aktuelle Krise ist, die durch die Verbreitung von Covid-19 ausgelöst worden ist, oder auch die schon lang existierende Klimakrise. In beiden Fällen ist – weltweit – etwas aus dem Gleichgewicht gekommen, das früher in Balance war. Krisen bergen das Potenzial, Entwicklungsansätze zu befördern, die schon vorhanden sind, aber nicht immer als relevant angesehen wurden. Wie die Themen Nachhaltigkeit und Digitalisierung, die aktuell eine disruptive Beschleunigung durch die Pandemie erfahren.

Die Krise als Beschleuniger

Es ist so, als würden wir mit einer großen Lupe auf die Welt schauen: Durch den wirtschaftlichen Einbruch, den die Mode­industrie im Zuge der Coronakrise erfahren hat, wurde noch sichtbarer, was wirklich falsch läuft. Schon lange wissen wir um die Überproduktion in der Textilindustrie, das Fehlen von nachhaltigen Standards, und wir sehen auch, dass alte Geschäftsmodelle nicht mehr funktionieren. Das Thema Sustainable Fashion wird wichtiger und gewinnt im Entscheidungsprozess der Kundinnen und Kunden für ein Kleidungsstück an Bedeutung. Es geht um das Engagement für eine neue, naturverbundene Lebensweise, um Transparenz und um Authentizität. Im Mittelpunkt stehen Werte, eine soziale und ökologische Produktion und die Rückverfolgbarkeit der gesamten Produktionskette; von den Rohstoffen über die Textilien bis zum Endprodukt.

Nachhaltigkeit gewinnt

Viele Jahre führte die nachhaltige Mode ein Nischendasein, getragen von Vorreitern wie hessnatur und vielen kleinen Labels. Seit einiger Zeit aber wird das Thema auch von großen Marken wie H&M, Unternehmen wie dem Textil-Hersteller Inditex oder dem Mode- und Accessoires-Konzern Kering besetzt – und zwar mit herausfordernden nachhaltigen Zielen. Dabei spielt auch das Thema Verantwortung eine zentrale Rolle. Unternehmen beschäftigen sich immer mehr mit ihrem »Purpose« und der Sinnhaftigkeit ihres Tuns. Das führt unweigerlich zu der Frage: Wie sieht die Mode in der Zukunft aus? Es geht um eine grundsätzliche Erneuerung der Mode. Auch das Bewusstsein der Kunden, aktiv eine Entscheidung für nachhaltige Bekleidung zu treffen, wird zunehmend wichtiger. Das erfordert von vielen Marken ein Umdenken und die Suche nach ihrem wirklichen Markenkern. Nicht mehr Konkurrenz, sondern vielmehr Transparenz, Gemeinsamkeit und Kollaboration stehen im Vordergrund. Das Outdoorunternehmen Patagonia praktiziert dies schon lange mit einer transparenten und sichtbaren Darstellung seiner Lieferkette. Mit ihren Stories zu unterschiedlichen Themen, der Einbeziehung und Verknüpfung ihrer Kunden untereinander, der Darstellung ihres Engagements für Umweltgruppen und der Plattform von gebrauchter Mode »worn wear«.

Mode in Kreislaufwirtschaft

Ideen sind gefragt, innovative Konzepte und Lösungen werden wichtiger. Und da kommen die Kreativen ins Spiel. Aufgesetzte Werbebotschaften haben keine Wirkung mehr. Heute haben Kreativschaffende wie produzierende Unternehmen, aber auch der Handel die Verantwortung, innovative Ideen zu entwickeln, die zukunftsorientiert sind und einen positiven Impact haben. Mit einer großen Substanz und tiefem Wissen über die DNA des Unternehmens, die Produkte sowie die inhaltlichen und wirtschaftlichen Ziele. Es geht um Erneuerung: von Produkten, Designs, Kommunikation und Sinnhaftigkeit – auch im Einsatz digitaler Produkte. Wir sprechen nicht nur über »Content«, ­sondern über echten Mehrwert. Was ist richtig, was unterstützt uns wirklich? Wie schaffen wir es, Hand in Hand zu arbeiten? Heute kann der Kreativschaffende eher ein Partner und Berater sein als nur ein Dienstleister.

Diese Chance auf den gemeinsamen Erfolg sollten auch die Unternehmen verstärkt im Blick haben. Denn gerade jetzt, in diesen herausfordernden Zeiten, spielt die gesamte Wertschöpfungskette eine zentrale Rolle. Gemeint ist der komplette Kreislauf vom Konzept über das Produkt, den Händler, das Marketing und die Kommunikation bis hin zum Kunden und zurück – the Circular Future.

Innovationen aus der Lehre

Diese Themen haben wir auch im Masterstudiengang »Sustainability in Fashion and Creative Industries« an der AMD Berlin betrachtet. Mit der Frage: Wie können wir als Designer, Unternehmer, Produzenten und Konsumenten die negativen Auswirkungen der Modeindustrie konsequent in anhaltend positive Auswirkungen umwandeln? Herausgekommen sind zukunftsweisende Konzepte, die alle das Potenzial haben, wirklich etwas zu verändern. Ein Projekt hat mich besonders beeindruckt: das Laminarium, lateinisch für Ort der Algen. Es soll eine offene Innovationsforschungsplattform werden, die sich der Beschleunigung der Entwicklung von Materialien auf Algenbasis in der Textil-, Hautpflege-, Biokunststoff- und Biokraftstoffindustrie widmet. Durch die Erleichterung der Zusammenarbeit zwischen Designern und Wissenschaftlern von Universitäten, Unternehmen und Regierungen hoffen die Designer, symbiotische Beziehungen zwischen diesen Organisationen zu schaffen, um marktreife Algenprodukte vorzubereiten, die verantwortungs­bewusst skaliert werden können. Geplant ist es als offenes Inno­vation Model.

Digitalisierung unterstützt Nachhaltigkeit

Digitalisierung kann nachhaltige Produktentwicklungen unterstützen. Die Circular Design Software ermöglicht Modemarken, zirkuläre und nachhaltige Produkte in einem schlanken und effizienten Prozess zu entwerfen. Eine andere Lösung für eines der größten Umweltprobleme der Welt könnte Kleidung sein, die es eigentlich nicht gibt. 

»Digitale Mode, die sich auf 3D-gerenderte Kleidungsstücke bezieht, die nur virtuell existieren, ist eine sehr reale Idee,«

die in einer Welt mit wachsenden Ängsten vor Abfall und Bedenken hinsichtlich der negativen Auswirkungen der ­Herstellung viel umweltfreundlichere Alternativen bietet.

Kollaboration statt Konkurrenz

Nachhaltigkeit ist nicht nur ein Mehrwert, sondern ein unverzichtbares Element im ganzen System. Immer mehr Aktivisten, Designer, Hersteller, Unternehmer und auch Messen, etwa die Neonyt als globaler Hub für Mode, Nachhaltigkeit und Innovation, zeigen die Bereitschaft zur Transformation hin zu einer künftigen Modewelt, die geprägt ist von Zusammenarbeit, Verantwortung und positivem neuem Aktivismus. Sie alle eint auch der Wunsch, eine bessere Welt zu schaffen. Eine Welt, auf der es uns und auch den Generationen nach uns möglich ist, gut zu leben. Ich bin immer noch optimistisch, dass wir das gemeinsam schaffen können. Vorausgesetzt wir wollen Veränderung, hin zum Bewusstsein des Weniger, der Nachhaltigkeit und der Konzentration auf das Wesentliche.


Fehrenbach_original
© Nina Siber

Christine Fehrenbach

Designerin und Vorstand Hessen Design e. V.

Christine Fehrenbach entwickelt ganzheitliche Markenkonzepte und begleitet Unternehmen durch den gesamten Transformationsprozess von der Positionierung bis zur Umsetzung von Kommunikation, Design und nachhaltigen Produkten. Sie ist Vorstandsvorsitzende von Hessen Design e. V., als Jurymitglied in vielfältigen Design- und Fashion-Wettbewerben tätig sowie Lecturer für und Speakerin zu Sustainable Fashion. Bis 2016 war sie Bereichsleiterin für Marke, Kommunikation, Sortiment bei der Manufactum GmbH und für die strategische Weiterentwicklung verantwortlich.


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